MirrorMe – Mein kleines, aber feines Fotoprojekt

"MirrorMe" - Handyselfie gespiegelt ©Claudia Spieß

Es begann mit einem Selfie

… und zwar 2019. Ja, vor über drei Jahren. Ich war damals im Studio und fand die Lichtreflexion vom Schminkspiegel in den Augen so spannend, also gab’s ein Selfie. 
Und weil ich auf dem Foto sehr gerade in die Kamera schau, hab ich was ausprobiert: 

Ich hab das Foto in zwei Hälften zerschnitten. Jede Hälfte hab ich einmal kopiert und gespiegelt, und dann an die andere Hälfte (die gleiche Gesichtshälfte) dran gesetzt. Das Ergebnis (seht ihr oben im Titelbild) fand ich trotz der etwas eigenartigen Frisur witzig und auch spannend. 

Mir ist dann eingefallen, dass ich IRGENDWO mal gelesen hab, dass symmetrische Gesichter attraktiver wahrgenommen werden als asymmetrische. Und da kam die Idee zu meinem Fotoprojekt „MirrorMe“. Ich wollt das auch mit anderen Personen bzw. deren Gesichtern ausprobieren.

Also hab ich im Jänner 2019 einen Aufruf auf facebook gepostet: 

AUFRUF! Wer möchte sich denn zur Verfügung stellen und mich bei meinem kleinen Projekt „MirrorMe“ unterstützen? Dann los – Einfach melden und gespannt sein, was dabei entsteht  😉

Hintergrund: Man sagt ja, je symmetrischer beide Gesichtshälften eines Menschen sind, umso attraktiver ist er/sie.
Das schwirrt schon lang in meinem Kopf rum, drum hab ich’s jetzt einfach mal an einem Handyfoto von mir ausprobiert. Ok – durch die Frisur täuscht’s ein bisschen. Aber es interessiert mich… ich bleib dran. Bin schon gespannt auf weitere Ergebnisse, bin auch gespannt, was ihr dazu sagt. Also, nicht zögern und mit dabei sein!  🙂

Ein paar Freunde haben sich daraufhin gemeldet. Oder hab ich sie dazu verdonnert? Ich weiß es nicht mehr. Wurscht – jedenfalls waren ein paar bei meinem Projekterl dabei.  – DANKE! 

Anleitung nochmal langsam

Am Beginn stehen Portrait-Aufnahmen – frontal. Nicht von oben, nicht von unten, nicht ein bissi seitlich – nein, komplett frontal. Das Licht muss ebenfalls gerade von vorne kommen, sonst könnten eventuelle Schatten das Ganze verfälschen. 
 
In der Nachbearbeitung werden die Portraits in der Mitte geteilt. Jede der Hälften wird gespiegelt. Dann wird zusammengesetzt: Einmal die linke Seite (so wie sie ist) und nochmal die linke Seite (in gespiegelter Variante), dasselbe mit der rechten Gesichtshälfte. Daraus entstehen dann Bilder mit jeweils zwei gleichen Gesichtshälften, so wie es in Wirklichkeit eben nicht ist. 

Plan vs. Wirklichkeit

Die Knipserei selbst hat gut funktioniert. Die Models waren brav und sind so gerade da gesessen, wie das nur ging. 
Mit den Fotos zuhause angekommen, hab ich sie bearbeitet. Tja… – das ist jetzt eine beinharte Lüge. Denn schließlich ist der Aufruf über drei Jahre her. Auch die Fotos dazu hab ich irgendwann 2019 gemacht. Dann hab ich mal mit zweien begonnen und stand vor einer Entscheidung: 
 

Was mach ich denn mit den Frisuren und der Kleidung? Wenn jemand einen Seitenscheitel trägt, kann das gespiegelt ziemlich strange wirken. Entweder hat derjenige dann einen Frisurenstil wie Theo Lingen, oder das Kragerl vom Polo-Shirt hat plötzlich zwei Knopfreihen. 

Ich hab also an einem Foto etwas länger rumgebastelt, um rauszufinden, wie ich das am besten anstellen sollte. Dann hatte ich eine Lösung und wollte prüfen, ob ich das wirklich bei allen Fotos genau so umsetzen kann. 
Und dann war mal Sense … das Fotoprojekt „MirrorMe“ fand sich in meiner ToDo-Liste wieder, und da blieb es …

2022 - Wieder ein Selfie, wieder erinnert ...

Erst vorige Woche gab’s ein Selfie von mir. Und als ich es so anseh, denk ich mir „Ha, ziemlich gerade, Frau Spieß, das spiegelst jetzt.“

Und da erinnere mich wieder an „MirrorMe“… Auf facebook poste ich die Bilder und schreib auch goschert dazu, dass da ja noch Fotos auf Bearbeitung warten. Und damit fiel der Startschuss, es endlich anzugehen. 

"MirrorMe" - Handyselfie gespiegelt ©Claudia Spieß

"MirrorMe" nimmt Fahrt auf ...

Mein früheres Entscheidungsproblem mit Frisur und Kleidung war kein Problem mehr, sondern für mich klar: Kleidung und Frisuren werden NICHT mitgespiegelt. Bei ein paar Fotos musste ich ein wenig Photoshop-Friseur spielen, weil durch die Spiegelungen die Frisuren nicht mehr so ganz passten. Da war die Haarpracht mal zu schmal oder zu breit. 

Aber ich wollte das Hauptaugenmerk nur auf die Gesichter ohne das Drumherum legen, drum: Frisuren und Kleidungen werden beim Spiegeln beinhart ignoriert. 

Die Ergebnisse

Die Originalfotos hab ich jetzt mal weggelassen, das lenkt womöglich nur ab. Ihr könnt sie aber auf meiner facebook-Seite „Knips&Kritzel“ sehen.

Auch wenn es bisher nur sieben Bildvergleiche gibt, kann man auf jeden Fall schon gut sehen, dass die erkennbaren Unterschiede von Person zu Person unterschiedlich sind. 

Mal muss man schon ganz genau schauen, um zu erkennen, was anders ist. Mal erkennt man auf den ersten Blick, dass die Vergleiche aussehen, als hätten hier zwei verschiedene Personen Modell gestanden, die sich zwar irgendwie ähneln, aber dann doch anders sind. Wie Geschwister, die unverkennbare Ähnlichkeiten im Aussehen aufweisen, aber dann doch komplett unterschiedlich sind. 

Seeeeehr spannend jedenfalls. Und ich glaub fast, ich muss da weitermachen, „MirrorMe“ macht nämlich Spaß. Und ich hab noch ein paar Freunde, denen ich noch nicht das Gesicht zerschnippelt hab. – In drei Jahren hört ihr dann wieder von mir 😉 

Und bedeutet Symmetrie jetzt mehr Schönheit?

Das haben sich schon mehrere gefragt. Es gibt einige Fotoprojekte dieser Art. Es gibt aber auch Studien dazu. Hier der Link zu einer davon, falls jemand Lust hat, das durchzulesen: Anthony C. Little: „Symmetry Is Related to Sexual Dimorphism in Faces: Data Across Culture and Species“
Oder die kurze Zusammenfassung HIER.

Auch unter den Gestaltgesetzen findet sich das Gesetz der Symmetrie, das besagt, dass „Elemente, die symmetrisch angeordnet sind, besser wahrgenommen werden als Elemente ohne Struktur im Raum“, es findet eine klare und deutliche Gliederung statt. Auch wird Symmetrie „vom Betrachter bevorzugt wahrgenommen.“

Aber kann man das 1:1 auf Gesichter umlegen? Ich weiß ja nicht. Ich find, alles, das lebendig ist, darf und soll seine Eigenheiten, seine Ecken und Kanten, haben. Wo wären denn sonst die ganzen Originale und Unikate?

Ich kenn ja die Personen, die ich fotografiert hab. Und meine Laien-Erkenntnis dazu:
Ihr seid schon perfekt, wie ihr seid. Da muss man nix spiegeln! 😘

"Charme ist der unsichtbare Teil der Schönheit, ohne den niemand wirklich schön sein kann."

— Sophia Loren —